Einsamkeit und Demokratie
- 18. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit
19.10.2025 Auf: https://www.engagement-macht-stark.de/aktuelles/detail/einsamkeit-problem-der-anderen/
findet Ihr Folgendes:
Wo finden einsame Menschen Gemeinschaft, Verständnis und Zusammenhalt? Diese Frage sollte uns nicht egal sein. Denn Studien deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und antidemokratischen Haltungen gibt.
Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender berichten seit der Corona-Pandemie regelmäßig über Einsamkeit bei Älteren, Jüngeren oder Alleinlebenden. Mit Unterstützung des Bundesfamilienministeriums wurde 2022 das Kompetenznetz Einsamkeit gegründet. 2023 legte die Bunderegierung eine Einsamkeitsstrategie vor. Und auch in diesem Jahr wurde wieder die bundesweite Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ begangen. An Aufmerksamkeit mangelt es der Einsamkeit also nicht. Doch sind wirklich so viele Menschen einsam?
Zuletzt ließ die Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufhorchen: Demnach war zwischen 2014 und 2023 jeder sechste Mensch weltweit von Einsamkeit betroffen, dies entspricht 16 Prozent der Weltbevölkerung. Das Gefühl, weniger Kontakte zu Mitmenschen zu haben, als man sich wünscht, kann in jedem Alter und überall auf der Welt auftreten. Allerdings sind nach der Corona-Pandemie weltweit besonders Jugendliche und junge Erwachsene stark durch Einsamkeit belastet. Dies trifft auch für Deutschland zu: Waren während Corona alle Bevölkerungsgruppen stark von Einsamkeit betroffen, sinkt die Zahl der Einsamen wieder deutlich in Richtung Vor-Pandemie-Niveau.
Junge Menschen erleben weiterhin häufiger Einsamkeit
Doch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das anders. Sie fühlen sich auch heute häufiger einsam als andere Altersgruppen: Je nach Messmethode variieren die Angaben zur Post-Corona-Prävalenz bei jungen Menschen stark. Im Einsamkeitsbarometer 2024 (ermittelt mit Daten des SOEP) gaben 2021 gut 14 Prozent der 18- und 19-Jährigen an, sich mindestens manchmal einsam zu fühlen. Im März 2024 sagten in einer Bertelsmann-Studie (2025) sogar 46 Prozent der 16- bis 30-Jährigen, sie seien moderat oder sogar stark einsam. Unabhängig von den einzelnen Ergebnissen ist die Tendenz klar: Jugendliche und junge Erwachsene bleiben weiter deutlich mit Einsamkeit belastet.
Einsamkeit und Demokratie
Was Studien („Extrem einsam?“ 2023 und Bertelsmann-Studie 2025) auch zeigen: Einsame junge Menschen fühlen sich von der Politik wenig verstanden und mit ihren Sorgen nicht ernstgenommen. Sie sind unzufriedener mit der Demokratie und glauben seltener, politisch etwas bewirken zu können.
Dabei interessieren sich junge Menschen für politische Themen. Doch ihr Vertrauen in demokratische Institutionen scheint erschüttert. Einsame Jugendliche glauben eher an Verschwörungserzählungen, finden politische Gewalt in Ordnung und stimmen autoritären Haltungen zu. Der Zusammenhang von Einsamkeit und antidemokratischen Haltungen lässt sich auch bei Erwachsenen nachweisen. Das Gefühl der gesellschaftlichen Unverbundenheit kann für Demokratien also gefährlich werden.
Bei den Jugendlichen zeigt sich sogar eine doppelte Gefahr: Jugendliche Einsamkeit kann zur erwachsenen Einsamkeit werden und sich durch das ganze Leben fortsetzen. Gleichzeitig können uns die zukünftigen Demokrat*innen verloren gehen, wie die Ergebnisse der Bundestagswahl 2025 vermuten lassen: 19 Prozent der jungen Menschen, die zum ersten Mal wählen gegangen sind, haben die AfD gewählt.
Einsamkeit ein wichtiges Thema für stabile Demokratien
Selbst wenn der Eindruck entstanden sein könnte, Einsamkeit hätte epidemieartige Ausmaße angenommen, so lässt sich dies – mit Ausnahme der Jugendlichen – für die älteren Jahrgänge nicht bestätigen. Dennoch ist es für unsere Demokratie sehr wichtig, sich mit Einsamkeit zu beschäftigen. Denn ohne dieses Wissen wäre vermutlich nicht deutlich geworden, dass sich viele einsame Menschen politisch unverstanden und gesellschaftlich unverbunden fühlen. Dies könnte für uns als Gesellschaft zum Weckruf werden: Wir müssen daran arbeiten, Menschen mehr Gemeinschaft, Zusammenhalt und Teilhabe zu bieten. Es wäre fatal, dies allein den Antidemokrat*innen zu überlassen.
Prof. Dr. Claudia Neu, Georg-August-Universität Göttingen Lehrstuhl Soziologie ländlicher Räume
Literaturverzeichnis
Heinz, Aaron (2025): Jung, einsam – und engagiert? Hrsg. Bertelsmann Stiftung. Gütersloh.
Neu, Claudia/Beate Küpper/Maike Luhmann (2023): Extrem einsam? Hrsg. Das Progressive Zentrum. Berlin.
Neu, Claudia/Beate Küpper (2023): Einsamkeit, Feindseligkeit und Populismus. In: Zick, Andreas/Küpper, Beate/Mokros, Nico: Die distanzierte Mitte. Hrsg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn, 335-353.
Schobin, Janosch/Céline Arriagada/Martin Gibson-Kunze (2024): Einsamkeitsbarometer 2024. Berlin.
WHO (2025): From Loneliness to Social Connection, Genf.
Wenn Ihr weitergehende Informationen sucht: Bitte hier: https://www1.wdr.de/fernsehen/die-carolin-kebekus-show/melddichmalwieder/index.html


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