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Gedanken über Charakter und Status - am Beispiel von Stolz und Vorurteil (Jane Austen)

  • 28. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

am 28.12.2025 schreibt Peter Ochsenbauer: Leider bin ich ein literarischer Dilettant, trotzdem wage ich mich gedanklich an diese literarische Meisterin heran. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich lediglich Ausschnitte der jeweiligen Verfilmungen und nicht einmal ihr Buch gelesen habe. Verzeihen Sie mir, wenn ich – trotz Recherche – vielleicht eine Fehleinschätzung vornehme? Vielleicht sind die beiden Eigenschaften „Stolz“ und „Vorurteil“ heute, wie damals schon, die größten Feinde jeder zwischenmenschlichen Beziehung und vielleicht der Hauptgrund, warum es eben auch, nicht nur in einer persönlichen Beziehung, sondern auch bei politischen Entscheidungen und bei verfeindeten Ländern zum Scheitern einer friedlichen Co-Existenz  kommt

Wir leben in einer Zeit, in der sich die Etiketten geändert haben, aber die Muster geblieben sind. Früher war es der Adelstitel, heute ist es der Jobtitel. Früher entschied das Vermögen über den Wert eines Menschen, heute entscheidet oft das Einkommen. Die Gesellschaft hat ihre Kostüme gewechselt, doch die Bühne ist dieselbe geblieben.

Jane Austen hat das schon vor über zweihundert Jahren durchschaut: Eine Verbindung - ob zwischen zwei Menschen oder zwischen Menschen und Gesellschaft - trägt nur, wenn sie auf Charakter gründet, nicht auf Status.

Und genau das ist der blinde Fleck unserer Gegenwart. Wir urteilen schnell, bequem, oberflächlich. Wir sortieren Menschen nach Beruf, nach Netzwerk, nach Sichtbarkeit. Wir verwechseln Leistung mit Wert und Prestige mit Persönlichkeit.

Dabei zeigt uns das Leben jeden Tag, dass die wahren Stützen unserer Gemeinschaft selten die sind, die glänzen. Es sind die, die handeln. Die, die Verantwortung tragen. Die, die niemand sieht, weil sie nicht laut sind — aber ohne sie würde alles zusammenbrechen.

Charakter ist leise. Status ist laut. Und wir haben uns daran gewöhnt, dem Lauten mehr Bedeutung zu geben als dem Echten.

Vielleicht ist genau jetzt der Moment, an dem wir wieder lernen müssen, hinzusehen. Nicht auf das Etikett, sondern auf den Menschen. Nicht auf die Rolle, sondern auf die Haltung. Nicht auf das, was jemand besitzt, sondern auf das, was jemand beiträgt.

Das wäre die eigentliche Modernisierung unserer Gesellschaft — und zugleich die Erfüllung dessen, was Austen uns damals schon mitgeben wollte. Wir leben in einer Welt, die Menschen nach Etiketten sortiert wie Waren im Regal. Beruf, Einkommen, Reichweite - das sind die neuen Wappen. Man verwechselt Lautstärke mit Bedeutung und Sichtbarkeit mit Wert.

Doch Charakter hat keinen Titel. Er trägt keine Uniform. Er macht keinen Lärm.

Charakter zeigt sich im Stillen: in der Art, wie jemand Verantwortung übernimmt, wie jemand zuhört, wie jemand handelt, wenn niemand hinsieht.

 

Status ist ein Scheinwerfer. Charakter ist eine Kerze. Der Scheinwerfer blendet. Die Kerze wärmt.

Und genau hier liegt die Tragik unserer Zeit: Wir rennen dem Blendenden hinterher und übersehen das Wärmende. Wir feiern die, die glänzen, und vergessen die, die tragen. Wir bewundern Fassaden und ignorieren Fundamente. Jane Austen hat das schon vor Jahrhunderten erkannt. Sie schrieb über Bälle und Herrenhäuser - doch eigentlich schrieb sie über uns. Über unsere Eitelkeit, unsere Vorurteile, unsere Blindheit. Über die Kunst, hinter die Maske zu schauen.

Ihre Botschaft ist heute schärfer denn je: Eine Verbindung, die auf Status gründet, ist ein Kartenhaus. Eine Verbindung, die auf Charakter gründet, ist ein Zuhause.

Vielleicht ist das die Aufgabe unserer Zeit: wieder lernen, Menschen nicht nach ihrer Rolle zu beurteilen, sondern nach ihrer Haltung. Nicht nach dem, was sie besitzen, sondern nach dem, was sie bewahren. Nicht nach dem, was sie darstellen, sondern nach dem, was sie sind.

Denn die stillen Helden - deine Helden - sind der Beweis, dass Würde nicht laut sein muss. Dass Bedeutung nicht prahlt. Dass Menschlichkeit keinen Titel braucht.


Und vielleicht beginnt eine gerechtere Gesellschaft genau dort: Bei der Entscheidung, den Menschen zu sehen und nicht die Verpackung. Euer Peter Maximilian Ochsenbauer

 
 
 

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