Triage
- 28. Juni 2020
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Juli 2020

Das Foto ist im Jahr 2003 (digitalisierter Diapositiv-Film) auf der Insel Rhodos entstanden. Auch wenn es im Kontrast zum Thema "Triage" steht, finde ich es trotzdem passend, weil es zur Ruhe und Entspannung einlädt. Diese Ruhe und entspannte Herangehensweise ist gerade bei diesem nachfolgendem brisanten Thema von Nöten.
Definition laut https://de.wikipedia.org/wiki/Triage :
Triage ([triːˈɑːʒ]), von französisch trier ‚sortieren‘, ‚aussuchen‘, ‚auslesen‘ (deutsche Bezeichnung auch Sichtung oder Einteilung), bezeichnet ein nicht gesetzlich kodifiziertes oder methodisch spezifiziertes Verfahren zur Priorisierung medizinischer Hilfeleistung, insbesondere bei unerwartet hohem Aufkommen an Patienten und objektiv unzureichenden Ressourcen. Die aufgeschobene beziehungsweise abwartende medizinische Hilfe ist in diesem Fall unvermeidlich. Ohne eine strukturierte Triage (Einstufung) besteht die Gefahr einer politisch oder ideologisch motivierten unethischen Selektion.[1][2]
Triage ist ein aus der Militärmedizin herrührender Begriff für die – ethisch schwierige – Aufgabe, etwa bei einem Massenanfall von Verletzten oder anderweitig Erkrankten darüber zu entscheiden, wie die knappen personellen und materiellen Ressourcen aufzuteilen sind. Es handelt sich dabei um ein Stratifikationsverfahren vor der vollständigen Diagnose. Theoretische Modelle, die die Verteilung knapper Ressourcen thematisieren, werden auch unter dem Begriff der Allokation gefasst.
Strukturierte Triage-Instrumente werden auch in Notaufnahmen eingesetzt und dort auch als Ersteinschätzung bezeichnet.
Der nachfolgende Beitrag stammt aus: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/corona-pandemie-triage-ethik-entscheidung-leben-tod-13668836.html
Es wird sehr akademisch über dieses Thema diskutiert, so dass man, als Normalbürger mit Realschulabschluss, der Diskussion kaum folgen kann. Jedoch könnten wir doch alle in einem zukünftigen Pandemie-Notfall, den Ärzten und deren Triage-Entscheidungen ausgeliefert sein. Deshalb ist es wichtig, dass sich möglichst Viele - und nicht nur Akademiker - mit diesem Thema auseinandersetzen.
Letztlich kann es uns im Notfall selbst betreffen.
In den folgenden Textausschnitten wird das komplexe Thema Triage, aber dennoch einigermaßen verständlich dargestellt. Ich muss gestehen, dass ich ellenlange wissenschaftliche Texte darüber gefunden habe, wobei mir diese, in jenem akademischen Stil, ganz einfach unverständlich waren.
Dieser Beitrag aus der Frankfurter Rundschau https://www.fr.de könnte aber Licht ins Dunkel bringen: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/corona-pandemie-triage-ethik-entscheidung-leben-tod-13668836.html
Triage in der Corona-Krise: Moral allein genügt nicht
Als erstes ist unsere moralische Intuition aktiv. Beispielsweise scheint die Gleichbehandlung eines 30-jährigen Familienvaters und einer 85-jährigen Großmutter in allen Modellen der Triage kontra-intuitiv. Allerdings sind moralische Intuitionen dynamisch und haben in der Vergangenheit Praktiken legitimiert, die wir heute verurteilen. Das gilt für Sklaverei und Todesstrafe ebenso wie für Zwangsehen und vieles mehr. Moralische Intuitionen allein sind also nur bedingt geeignet, um ethische Entscheidungen zu rechtfertigen.
Allerdings wird die Bevorzugung unseres fiktiven Familienvaters auch von einer gewichtigen ethischen Theorie gestützt. Der Utilitarismus lehrt, dass diejenige Handlung bzw. Handlungsregel gut ist, die sich langfristig für die Vermehrung des Glücks und die Verringerung des Leidens als nützlich erweist. Natürlich kann die notwendige Kalkulation nur nach bestem Wissen und Gewissen erfolgen. Theoretisch ist es möglich, dass unsere Großmutter nach ihrer Genesung eine medizinische Weltformel erdacht hätte. Nach menschlichem Ermessen sprechen aber die Heilungschancen, die Anzahl der abhängigen Angehörigen und die gewonnene Lebenszeit eindeutig für ein Primat des Familienvaters. Allerdings bleibt das ungute Gefühl, dass mit dem hedonistischen Kalkül jeder Minderheitenschutz in Gefahr gerät. (+)
Einschub: Definition "Ex-ante Triage" und "Ex-post Triage"
· Die Triage bei Ex-ante-Konkurrenz bezeichnet eine Situation, bei der „die Zahl der unbesetzten Beatmungsplätze kleiner ist als die Zahl der Patienten, die ihrer akut bedürfen.“
· Die Triage bei Ex-post-Konkurrenz beschreibt eine Situation, in der bereits alle „verfügbaren Beatmungsplätze belegt sind“, und weitere bedürftige Patienten nicht versorgt werden können. (+)
Wie ethisch ist die Triage in der Corona-Krise?
"Ein ethisches Schwergewicht argumentiert in entgegengesetzter Richtung: die kantische Deontologie. Nach dieser Pflichtenethik ist es kategorisch untersagt, einen Menschen vollständig zum Nutzen eines anderen zu instrumentalisieren. Natürlich dürfen wir andere Menschen für bezahlte Dienstleistungen nutzen, aber wir dürfen sie nicht versklaven oder – wie im Fall der Ex-post-Triage – für einen Dritten sterben lassen. Nach Kant ist jeder Mensch mit Willensfreiheit eine potenzielle Quelle des Guten und damit Würdeträger. Genau deshalb können menschliche Leben nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Sie haben eine Würde, keinen Preis. Alter, Krankheit und dergleichen spielen keine Rolle. Gleichwohl bleibt auch hier ein Restzweifel an der kategorischen Strenge. Was, wenn die gesamte Menschheit nur durch die Instrumentalisierung eines Einzelnen zu retten wäre? Welchen Wert hat ein Prinzip, von dem niemand profitiert?" (+)
"Natürlich ist das Grundrecht auf Leben, das höchste Gut "Leben" - zu priorisieren.
Wie und - ob überhaupt - können Menschen denn darüber entscheiden, ob das Leben des Einen erhaltenswerter ist, als das des Anderen?"
Ist diese Frage überhaupt beantwortbar? (Peter Ochsenbauer)
Triage bei der Corona-Behandlung: Müssen Ärzte um Leben und Tod entscheiden? (+)
Eine andere Größe in unserem Ringen um die angemessene Beurteilung der Triage ist die Vertragstheorie. Nach dieser Theorie treten Menschen nur dann in eine Rechtsgemeinschaft ein, wenn ihre elementarsten Bedürfnisse geschützt sind. Ein Souverän, der sich vorbehält, einige seiner Bürger für andere zu opfern, kann von diesen keine Rechtstreue erwarten. Wer also ein friedliches Zusammenleben will, der muss einige Grundrechte für sakrosankt erklären. Das Recht auf Leben gehört definitiv dazu. Schwäche dieser Herangehensweise ist ihre Reduktion auf die juristische Ebene. Wir wissen schließlich alle, dass es zahlreiche moralische Fragestellungen gibt, die nicht juristisch oder vertraglich geregelt werden können. (+)
Die Triage in der Corona-Krise als philosophisches Dilemma
Der Utilitarismus unterstützt tendenziell beide Formen der Triage. Gleichwohl lassen sich auch aus utilitaristischer Sicht Einwände gegen die Ex-post-Triage formulieren. Dies ist genau dann der Fall, wenn eine entsprechende Regelung langfristig mehr Leiden als Nutzen erzeugen würde. Wenn beispielsweise das Bewusstsein, unter gewissen Umständen für andere geopfert werden zu dürfen, eine hinreichende Menge an Leid erzeugt, könnte auch ein Utilitarist die Ex-ante-Triage zurückweisen. Wenn die Regelung jedoch nur komatöse Patienten im Sterbeprozess betrifft, wäre dieser Effekt nicht zu befürchten. (+)
Background:
A week ago, Italy had so few cases of corona that it could give each stricken patient high-quality care.
Today, some hospitals are so overwhelmed that they simply cannot treat every patient. They are starting to do wartime triage.
Here’s the guidance for that.
— Yascha Mounk (@Yascha_Mounk) March 11, 2020 (+)
Aus Sicht der kantischen Deontologie ist der Kompromiss hoch problematisch. Allerdings lässt sich argumentieren, dass Kant zwar von der Würde des Menschen schrieb, aber Personenwürde meinte. Eine Person zeichnet sich durch Bewusstsein und Willensfreiheit aus. Sie ist Subjekt eines Lebens und Träger moralischer Verantwortung. Bei einem komatösen Patienten im Sterbeprozess sind diese Eigenschaften unwiederbringlich verloren. Das Adjektiv unwiederbringlich ist hierbei von besonderer Bedeutung. Schließlich zählt unsere Gesellschaft zahlreiche Mitglieder, die nach Kant noch nicht oder nicht in Gänze als Person gelten, aber dennoch unantastbar bleiben sollen. (+)
Wer darf leben, wer soll sterben? Das ethische Problem der Triage in der Corona-Krise
Die Zustimmung der Vertragstheorie ließe sich mit einem der berühmtesten Gedankenexperimente der Philosophiegeschichte umwerben: Der „veil of ignorance“ von John Rawls. Nehmen wir an, hinter einem solchen „Schleier der Unwissenheit“ würden sich Menschen versammeln, um die Regeln und Gesetze für eine Gesellschaft zu formulieren, in der sie am Folgetag erwachen werden. Dabei besitzen sie keine Informationen über ihre persönliche Zukunft in dieser Gesellschaft. Sie kennen weder ihr Geschlecht noch ihr Alter. Auch ökonomische Ausstattung, Begabungen oder Gesundheitszustand sind unbekannt. Nach Rawls werden Menschen unter diesen Bedingungen gerechte und faire Gesetze entwerfen, da alle an einem Höchstmaß an Objektivität interessiert sind. Wie aber würden Menschen hinter dem „veil of ignorance“ über die Möglichkeiten der Triage entscheiden? Der oben skizzierte Vorschlag erscheint zustimmungsfähig. Einerseits erhöht er die Wahrscheinlichkeit, im Fall einer Erkrankung mit Heilungschancen gerettet zu werden. Auf der anderen Seite droht kein bewusst erlebter Verlust, sollte das persönliche Los auf den komatösen Patienten im Sterbeprozess fallen. (+)
Als Resümee bleibt also die Forderung, bei extremem Mangel an Geräten komatöse Patienten, bei denen die Beatmung sterbebegleitend eingesetzt wird, vom Respirator zu trennen. Auf diese Weise entstünde zumindest eine geringe Entlastung für Medizinerinnen und Mediziner. Derzeit gilt nur, dass die medizinischen Entscheider im Rahmen des übergesetzlichen Notstandes mit juristischer Milde rechnen können. Selbst für Außenstehende ohne konkreten Entscheidungsdruck muss diese Lösung unbefriedigend bleiben. (+)
Herzlichen Dank für das Lesen dieses Beitrages aus der Frankfurter Rundschau https://www.fr.de und die besten Wünsche für Ihre Gesundheit ! Danke für Ihre Antworten!


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